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Länder

Botswana ist so ein Reiseziel für Menschen, die auf der Suche nach Resten der unverfälschten Natur unseres Planeten sind. Am Beispiel Botswana wird auch die ganze Widersprüchlichkeit unseres Umgangs mit Natur deutlich. Schon im Reiseführer von Hupe und Vachal (2010) wird das klar:
„Einerseits beherbergt Botswana die größte freilebende Elefantenpopulation der Welt und fantastische, intakte Naturwunder am Okavangodelta und in der Kalahari. Das Land ist ein Symbol für Weite, Wildnis und unverfälschtes Tiererlebnisse. 18 Prozent der Landesfläche stehen als Nationalparks, Wildgebiete oder anderweitig unter Schutz. … Andererseits treten gerade hier verheerende Umweltschäden und Tragödien auf. Durch die gigantische Ausweitung der Rinderzucht – 3 Millionen Rinder in einem Land mit 1,9 Mio. Einwohnern – wird das empfindliche ökologische Gleichgewicht der Kalahari-Böden schwer geschädigt. Ein Fünftel der Landesfläche gilt bereits als ökologisch zerstört.“


Lobatse, eine Kleinstadt in der Nähe der Hauptstadt Gaborone, ist Standort des größten Schlachthofs in Afrika. Von dort wird Fleisch in die Nachbarländer wie auch in die Europäische Union, mit der ein Handelsvertrag besteht, exportiert. Der Betrieb arbeitet nach EU-Normen.


Rinder – ich folge hier wieder Hupe und Vachal (2010) – spielen in der Kultur und Wirtschaft der Batswana, der größten Bevölkerungsgruppe in Botswana, eine herausragende Rolle. Diese Tiere stehen für Status und Macht. Der Wert einer Person, einer Gruppe, einer Familie definiert sich über den Besitz von Rindern, die Tiere dienten als Milchlieferanten, wurden aber sonst nicht gezielt verwertet. Andere Ethnien in Botswana übernahmen diese Wirtschaftsweise. Mit der wachsenden Bevölkerung kam es ab den 1980er Jahren auch zur drastischen Vermehrung des Viehbestandes. Die Überweidung gefährdete das sensible Ökosystem der Kalahari, zusätzlich kam es in den 1980er Jahren zu einer ausgeprägten Dürreperiode. Ein Drittel der Rinder verendete durch die Dürre und die Überweidung, große Teile der ehemaligen Weideflächen gelten als verloren, Bauern verloren ihre Existenz. Heute liegt der Bestand wieder bei über drei Millionen Tieren. Denn der Export von Rindfleisch ist inzwischen ein wichtiger Wirtschaftszweig und Devisenbringer.
Die Elefantenpopulation ist mit rund 130.000 Exemplaren die größte Afrikas, sie war in den 1980er Jahren auf nur noch 20.000 abgesunken war. Im Okavangodelta leben über 400 Vogelarten, über 120 Säugetierarten, 71 Fischarten, 33 Amphibienarten und 64 Reptilienarten. Jährlich kommt es zu großen Migrationen von Zebra- und Gnu- Herden zwischen Chobe bzw. Okavangodelta und den südlich und südöstlich gelegenen Gebieten, etwa am Boteti. Die Wanderungen dieser Arten, insbesondere der Elefantenherden, hat zur länderübergreifenden Gründung eines Verbundes von Schutzgebieten geführt. Die Länder Angola, Botswana, Namibia, Zambia und Zimbabwe starteten 2011 ein Projekt, mit dem sie den Zusammenschluss von insgesamt 36 bereits bestehenden Nationalparks, Schutzgebieten und Reservaten, regelten. Es entstand die „Kavango-Zambesi Transfrontier Conservation Area“ (KA-ZA), die sich über eine Fläche von 520.000 Quadratkilometer erstreckt. Das größte grenzüberschreitende Naturschutzgebiet der Erde. Zäune begrenzten bisher die einzelnen Gebiete. Durch das abschnittsweise Öffnen dieser Begrenzungen entstanden zusammenhängende Naturräume, zwischen denen Elefanten, Gnus und andere Wildtiere ungehindert durch ihre angestammten Verbreitungsgebiete wandern. Intendiert wird mit diesem Projekt neben der Verbesserung des Naturschutzes die Entwicklung des Tourismus. Dadurch sollen neue Einkommensquellen erschlossen werden.


Das volkswirtschaftliche Einkommen Botswanas beruht neben der Fleischproduktion und den Einnahmen aus dem Tourismus und auf der Ausbeutung von Bodenschätzen im Bergbau. Dabei machen Diamanten über 70 Prozent des Gesamtexportwertes aus. Die wirtschaftliche Lage des Landes verbesserte sich kurz nach dem Erreichen der Unabhängigkeit im Jahr 1966 drastisch, nachdem 1967 bei Orapa erste große Diamantlager entdeckt worden waren. Die Diamantenminen werden von einer Gesellschaft betrieben, die je zur Hälfte dem botswanischen Staat und dem Diamantenkonzern De Beers gehört. Seit 2014 verkauft De Beers sein gesamtes Angebot an Rohdiamanten aus aller Welt von der botswanischen Hauptstadt Gaborone statt wie bisher von London aus. 2015 exportierte Botswana Diamanten im Wert von 2,4 Milliarden US-Dollar. Bis heute bestreitet Botswana einen großen Teil seiner Einnahmen mit dem Diamantexport. Die hohen Einnahmen führten zu einer raschen Entwicklung des Landes, aber auch zu all den negativen Konsequenzen, die mit der hohen Abhängigkeit vom Export eines einzelnen Rohstoffs verbunden sind.


Der Tourismus stellte schon vor der Entwicklung des KAZA-Projekts einen weiteren wichtigen Wirtschaftszweig dar. Die Hauptattraktionen bilden die Nationalparks in Botswana. Zur Verfügung stehende Zahlen: 2015 besuchten 248.000 Touristen das Land. Hiervon kamen knapp 40.000 aus den Vereinigten Staaten, 25.500 aus Deutschland und 24.400 aus dem Vereinigten Königreich. Gewiss keine hohen Werte, vergleicht man diese Zahlen mit angesagten Destinationen des internationalen Tourismus. Bisher ist Botswana bestrebt, einen Qualitätstourismus zu entwickeln. Das Reisen im Land ist sehr aufwändig, so sind zahlreiche exklusive Ziele nur mit dem Buschflugzeug zu erreichen, die Kosten sind hoch und die Unterkünfte entsprechend exklusiv. Wer kostengünstiger reisen möchte, muss auf Vieles verzichten können, sein Zelt selber aufbauen, tagelang mit einfachsten Sanitäranlagen auskommen, am Lagerfeuer kochen und in Fahrzeugen reisen, in denen man das Land im wahrsten Sinne mit allen Sinnen spürt. Aber man ist gewiss mittendrin, kann das Land wirklich spüren, der Sand der Kalahari knirscht zwischen den Zähnen, man hat ordentlich Respekt vor den grunzenden Hippos im Delta, speziell bei Nacht, und hat Angst vor Durchfall oder Schlimmerem, wenn das Wasser zum Kochen direkt aus dem Fluss geschöpft wird.


Die Natur hat Botswana noch ganz andere Prüfungen auferlegt. Menschen werden krank und sterben, auch das gehört zu unserer Natur. Zahlen der UNO sprechen von rund 320.000 HIV-infizierten Erwachsenen in Botswana. Das Land ist ganz besonders hart von der AIDS-Pandemie getroffen. Dies entspricht einer Prävalenz von HIV bei Erwachsenen von 18,5 Prozent. 2002 wurde deshalb das flächendeckende staatliche Programm Masa (deutsch: „Neue Morgendämmerung“) in Leben gerufen: Alle HIV-Infizierten, deren Gesundheitszustand kritisch zu werden droht, erhalten kostenlosen Zugang zu medizinischen Beratungsleistungen und antiretroviralen Medikamenten. Das Programm wird unter anderem von der Gates Foundation und dem US-amerikanischen Pharmakonzern Merck unterstützt und von der Harvard Medical School wissenschaftlich begleitet. Dank der besonnenen botswanischen Regierungspolitik – und mit den Einnahmen aus der Diamantenproduktion – können die Maßnahmen intensiv und relativ effizient umgesetzt werden. Durch diese und andere Maßnahmen konnte die Anzahl der Neuinfektionen zwischen 2001 und 2012 um über 50 Prozent reduziert werden. Die Ansteckungsrate von Mutter zu Kind konnte von 30 auf 2,1 Prozent gesenkt werden. Für das Jahr 2017 gab das Gemeinsame Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) die Prävalenz unter den 15- bis 49-Jährigen mit etwa 23 Prozent an. Zu den die HIV-Rate begünstigenden Faktoren zählte UNAIDS unzureichenden Zugang zu Informationen bezüglich reproduktiver Gesundheit sowie sexuelle Gewalt. Die Regierung finanziert Initiativen gegen Diskriminierung und für die Förderung des öffentlichen Bewusstseins. Die Pandemie ist eine existenzielle Bedrohung nicht nur für jeden einzelnen Betroffenen, sondern auch für das gesamte Staatswesen, da bei Fortschreiten der Krankheitsentwicklung mit einem Zusammenbruch der Volkswirtschaft gerechnet werden müsste. Die durchschnittliche Lebenserwartung sank von 63 Lebensjahren im Jahre 1991 auf rund 46 Lebensjahre im Jahr 2007. Deshalb hängt viel vom Erfolg der eingeleiteten Programme ab. Seither stieg die Lebenserwartung wieder deutlich an. Sie wird, Stand 2015, bei der Geburt mit 63,3 (männlich) beziehungsweise 68,1 (weiblich) Jahren angegeben. Auch heute kann eine Krankheit eine komplette Volkswirtschaft gefährden und Staaten an den Rand des Zusammenbruchs führen. Dies sind Phänomene, die die gesamte Menschheitsgeschichte begleiten und auch heute noch aktuell sind. Wir haben Krankheiten – trotz aller medizinischen Fortschritte – nicht vollständig unter unserer Kontrolle.


Unberührte Wildnis existiert neben reinen Profitinteressen, zügelloser Überweidung und kompromissloser Exportorientierung. Dies alles ist keineswegs im Gleichgewicht. Und die Bevölkerung ist von einer Pandemie bedroht, die in Europa kaum zur Kenntnis genommen wird. Wir Touristen blenden diese Tatbestände aus, wenn wir das Land besuchen. Auch die positive Entwicklung der Elefantenpopulation hinterlässt Spuren, sie geschieht auf dem Rücken einer Bevölkerung, deren Landwirtschaft in direkter Konkurrenz zu den Wildtieren steht. Im Allgäu beispielsweise würde so eine Konkurrenz niemals geduldet. Wildtiere, die landwirtschaftliche Produktionsabläufe oder jagdliche Interessen stören, würden sofort eliminiert. Dies geschieht mit einzelnen Wölfen oder Bären, die sich gelegentlich in das süddeutsche Alpenvorland verirren.


Wer als Tourist durch die Schutzgebiete Botswanas reist, ist tatsächlich mittendrin in der Wildnis. Besonders nah dran an der Natur ist, wer die Nacht im Zelt zubringt. Es ist nur eine dünne Stoffschicht, die uns vor Kälte, Wind, Geräuschen, Tieren und der offenen Landschaft mehr verbirgt, denn schützt. Zelte sind eher ein Filter als ein Schutz. Sie sorgen dafür, dass wir in der Nacht nicht unmittelbar der ganzen Wucht der Reize ausgesetzt sind, die auf uns niedergehen. Wir sehen nicht, was sich außerhalb der Stoffbahnen bewegt, können aber hören, was sich draußen abspielt.


Torsten war schon beim allerersten Tageslicht raus aus seinem Zelt, hatte seine Tasche fertig für die Abfahrt gepackt, sein Zelt hatte er bereits abgebaut und verstaut, er selbst stand bei Kaffee und Müsli am Feuer, suchte die Nähe von Evans und Sabi, Guide und Koch unserer Reisegruppe. Evans hatte wenig geschlafen, im Busch hatte sich das pralle Leben Afrikas in dieser Nacht gemeldet. Stimmen und Geschrei, das Brüllen der Kalahari-Löwen, knackende Zweige im Busch, Geräusche wie von einer Säge, ganz nah, so etwas wie Tritte, Schnauben, das Tröten von Elefanten. Das hatte auch Torsten den Schlaf geraubt, er sah erschöpft und verschüchtert aus an diesem Morgen. Er suchte die Nähe seiner Reisegefährten, entspannte sich wieder, als die Sonne schließlich wärmte, hatte großen Redebedarf, wollte sich bewegen. Angst, Angst, Angst, geschlafen habe er gar nicht, die Geräuschkulisse sei für ihn überwältigend gewesen, der Lärm habe sich im Laufe der Nacht immer mehr gesteigert, ohrenbetäubend, sein Ohropax habe gar nichts geholfen. Er habe Herzrasen bekommen, Schweißausbrüche, habe gezittert. Mehrmals habe er genau gespürt, wie irgendein großes Tier an der Zeltplane gekratzt habe. Es sei Zufall und Glück, dass er noch lebe. So eine Nacht überstehe er nicht noch einmal, er hoffe, dass der nächste Übernachtungsplatz sicherer wird. Wenn er gewusst hätte, was sich hinter der Reisebeschreibung „Botswana intensiv“ verbirgt, er hätte diese Reise nicht gebucht. Für ihn sei das nicht zu meistern, nachts allein im Zelt. Und jetzt am Morgen die Runde mit Evans über den Platz. Die Spuren! Quer über den Platz, zwischen den Zelten. Evans erläutert, was zu sehen ist. Ja, da müsse ein Leopard dabei gewesen sein, die Spuren seien eindeutig. Das erkläre auch das kratzige, reibende Geräusch, ein Leopard könne wie eine rostige Säge klingen, nicht sehr laut, aber durchdringend. Die Löwen seien weit weg gewesen, sicher nicht ums Zelt geschlichen. Sonst sehe er jetzt nur Spuren von kleineren Tieren, völlig ungefährlich. Viele Geräusche kämen auch von Vögeln, das sei nur akustisch ein Thema, keine Gefahr für Leib und Leben. Schlangen seien in der Junikälte in der Nacht sowieso erstarrt, keine Chance, dass die unterwegs wären. Also keine Schwarze Mamba, keine Puffotter, keine Kobra. Da müssten wir in der wärmeren Jahreszeit kommen. Dann seien die wirklich aktiv, gerade wenn es mal regnet in der Kalahari und ihre Wohnhöhlen überschwemmt werden, Skorpione seien dann auch häufiger anzutreffen.


Das war „Botswana intensiv“, quasi eine Pauschalreise. Ja, die Teilnehmer mussten ein bisschen mitarbeiten, das Gepäck ein- und ausladen, ihre eigenen Zelte auf- und abbauen, beim Abspülen helfen, solche Sachen. Sonst war alles durchorganisiert. Übernachtung auf vorbereiteten Plätzen. Man denkt dann an Campingplätze, wie man sie aus Europa kennt. Eine Schranke an der Einfahrt, eingezäunt, Kiosk und Restaurant, Postkarten und Getränke. Wir waren jetzt in der Kalahari, im „Central Kalahari Game Reserve“, ein Schutzgebiet so groß wie Dänemark. Jeder, der den Eintritt bezahlt hat, kann sich im Schutzgebiet frei bewegen, muss sich allerdings an die vorhandenen Pisten halten und muss zum Campieren die vorgesehen Areale aufsuchen, so er sie denn findet. Diese Campingplätze sind manchmal mit einfachsten Plumpsklos ausgestattet, sonst gibt es keine Ausstattung. Manchmal gibt es gar keine Infrastruktur, nur ein kleines Hinweisschild, man befinde sich hier auf dem Camp Ground Nr. 5, zum Beispiel. Evans und Papi bauten dann ein Toilettenzelt und eine Buschdusche auf. Das funktionierte gut, tagsüber sogar mit warmem Wasser aus der Solaranlage, die aus einem schwarzen Wassersack besteht, wenn man gelernt hatte, sich mit wenigen Litern zu duschen. In der Nacht erlebt man dann völlig ungefiltert den afrikanischen Busch. Kein Zaun hält die Wildnis draußen, kein Ranger schirmt die Touristen ab. Ja, wir hatten mit Evans einen zertifizierten und sehr erfahren Guide. Evans erklärte uns zu Beginn der Tour, dass die Führer in Botswana grundsätzlich unbewaffnet sind, sie seien so ausgebildet, dass sie alle schwierigen Situationen, auch wenn sie beispielsweise Löwen und Elefanten betreffen, ohne Schusswaffen regeln. Wenn man zu Hause auf dem Sofa sitzt und seine Afrika Reise plant, ist es genau das, was man sich wünscht. Wenn man sich dann mitten in der Kalahari wiederfindet, erlebt man die unverstellte Natur ganz anders.


In der nächsten Nacht war die Geräuschkulisse unverändert. Wir hatten dieses Mal die Zelte anders aufgestellt. Ursprünglich hatten sich alle Einzelreisenden und die Paare einen Platz ganz für sich, in gehöriger Distanz von den Nachbarzelten, gesucht, möglichst ohne direkten Sichtkontakt. Am letzten Abend hatten wir viel weniger Platz verbraucht für unser Camp, die Zelte standen jetzt dicht an dicht, berührten sich fast. Wir konnten ohne Weiteres Kontakt zu den Nachbarn aufnehmen, zumindest verbal waren wir verbunden, das wirkte ungemein beruhigend. Eva war auch das noch zu wenig. Allein im Zelt, das halte auch sie nicht aus. Sie brauche jemanden neben sich, sonst sterbe sie. Nun gab es genug allein reisende Männer in der Gruppe, die den Einzelzeltaufschlag bezahlt hatten, aber keine weitere Frau, die allein in einem Zelt untergebracht war. Alle Zelte waren auch für zwei Bewohner mit Gepäck groß genug. So kam es, dass sich Eva einen Zeltpartner für die nächste Nacht aussuchen konnte, gemeinsam zitterten sie sich durch den Lärm der Dunkelheit. Torsten wollte es lieber allein versuchen. Als er dann in sein Zelt wollte, stand bereits ein Elefant davor, ein junges männliches Tier. „Die sind häufig auf Krawall gebürstet“, Evans erläuterte die Situation und versuchte zu deeskalieren. „Fast alle Angriffe dieser jungen Männchen sind Scheinattacken, und jetzt sind wir ja noch weit von einer Attacke entfernt, das ist noch die reine Neugier“. Ich lag schon in meinem Zelt und hörte das kleine Drama aus der Distanz mit. Ich hatte bei mir die Gabe entdeckt, mich hinter den Stoffbahnen sicher zu fühlen, lebte in der Gewissheit, dass das, was draußen passierte, mich nicht betraf, dissoziierte mich sozusagen weg. Und ich schlief gut. Auch so kann man sich täuschen und sich seine Wirklichkeit zurechtbiegen. So hatte ich eine relative Freude daran zuzuhören, wie es Evans schließlich schaffte, den Elefanten dazu zu bewegen, den Zelteingang freizugeben. Torsten bezog sein Zelt und berichtete am nächsten Morgen, er habe wider Erwarten zeitweise schlafen können. Wahrscheinlich habe er sich langsam an die Gefahren gewöhnt. Im Lauf der Tage und Nächte wurde es für ihn immer besser, Habituation scheint bei der Bewältigung von Angstproblemen doch eine Rolle zu spielen, wenn man tatsächlich in der angstauslösenden Situation verbleibt, die Konfrontation annimmt. Im konkreten Fall gab es auch tatsächlich keinen Ausweg, Vermeidung und Sicherheitsverhalten waren logistisch unmöglich, da er die Reise nicht abbrechen konnte, zumindest nicht ohne extremen finanziellen und logistischen Einsatz.


Nächtliche Toilettengänge ließen sich auch regeln. Die Wasserflaschen, die wir für unseren persönlichen Gebrauch dabeihatten, ließen sich, waren sie einmal geleert, wunderbar zu Pinkelflaschen umwidmen, das kannte ich persönlich bereits von Nächten in Hochlagern beim Bergsteigen. So stabilisierten wir uns von Nacht zu Nacht, ertrugen die Zumutungen der Natur immer leichter. An einem der nächsten Tage kam Evans noch einmal auf die Scheinangriffe der Elefanten zu sprechen, diesmal saßen wir im Auto, fühlten uns subjektiv sicher. Wieder ein jüngeres männliches Tier, aber sicher schon Tonnen schwer, spreizte die Ohren ab, schwang den Rüssel, trötete und setzte sich in Richtung auf unseren Landrover in Bewegung. Er brach den Angriff kurz vor einem Blechschaden ab und trottete laut trötend davon. „Ihr seht, wieder ein Scheinangriff, aber ziemlich spannend“, erklärte uns Evans das Spektakel. Er selbst habe nach dem Scheinangriff eines jungen Bullen einmal sechs Wochen im Krankenhaus verbringen müssen, der Schaden am Auto sei beträchtlich gewesen. Solche Vorfälle seien selten.


Nächtliche Toilettengänge können zu Abenteuern und Mutproben werden. An diesem Abend im Moremi Game Reserve, einem Schutzgebiet am Rande des Okavango Deltas, saß die Hälfte unserer Reisegruppe noch um das abendliche Lagerfeuer, die Nacht war noch jung. Klara wollte ihren Abend mit einem Gang zum Klo abschließen, bevor sie ihr Schlafzelt aufsuchte. Sie verschwand in der Dunkelheit hinter den Büschen. Es dauerte nicht lange, bis wir sie rufen hörten, mit recht kläglicher Stimme, ganz anders als wir sie sonst kannten. „Was soll ich machen, ich brauche Hilfe, da sitzen drei Löwen hinter dem Klo, keine 10 Meter weg“. Man ist erstmal perplex bei einer solchen Meldung, möchte lachen, merkt aber, wie unpassend das wäre. Ihr Freund Rüdiger reagierte schnell: „mach ein Foto“, war sein unmittelbarer Kommentar, aber auch er merkte, dass solcherart Humor gerade nicht passte. Man sitzt ja selbst nur ein paar Meter weg von den Löwen, ohne Zaun, ohne Schutz. Wir haben nur einen erfahrenen und, spätestens jetzt erweist es sich, emotional äußerst stabilen Guide. „Also ihr geht jetzt alle in eure Zelte“, Evans organisiert das Ende des Palavers am Lagerfeuer. „Ihr geht direkt da rein, keine Umwege, zieht die Reißverschlüsse zu, gebt Ruhe, ein geschlossenes Zelt interessiert Löwen nicht“. Die Zelte standen dicht beieinander, die früheren Nächte hatten uns gelehrt, Nähe zu suchen. Und zu Klara: „Du bleibst, wo du bist, bis ich dich abhole“. Das machte er dann, keiner hat zugesehen. Ich war wieder froh um meine Pinkelflasche im Zelt. In der Nacht gab es die gewohnte Kakophonie des nächtlichen Buschs. Alle steckten am nächsten Morgen wieder den Kopf aus dem Zelt. Evans hatte fast die ganze Nacht am Feuer zugebracht, das auch am Morgen noch nicht erloschen war. Es gab wieder einmal jede Menge Gesprächsstoff.


Die Ängste und Sorgen, auch die Bemühungen, sich gegen Bedrohungen abzusichern, schwanden in dem Maße, wie die ungefilterte Natur zur täglich erlebten Realität wurde. So zumindest meine Erklärung. Die Kalahari beförderte ganz besonders dieses Naturerleben, führte zu einer neuen emotionalen Offenheit. Aber was suchen wir nun dort? Wenn wir auf das treffen, was wir zu Hause auf dem Sofa gewünscht haben, halten wir es kaum aus. Die Kalahari war der Wahnsinn. Es ist tatsächlich so, wie es der Reiseführer verspricht, ein Abtauchen in eine andere Welt. Eine endlose Savannenlandschaft, das hohe Gras war Anfang Juni schon vertrocknet, ließ aber noch erahnen, wie es hier in der feuchteren Jahreszeit aussieht, wenn es blüht und grün ist. Die schiere Größe dieser Region ist für einen Mitteleuropäer kaum zu erfassen, wir haben keine Maßstäbe für diese Dimensionen; sich dort zu bewegen, passt nicht zu unserem Erfahrungshorizont.


Das Central Kalahari Game Reserve, dieses Gebiet zieht neben dem Okavango Delta Touristen magisch an, ist ein 1961 gegründetes Wildreservat. Der Park umfasst eine Fläche von 52.800 km² und ist damit das weltweit zweitgrößte Wildreservat. Das Land ist überwiegend flach, es gibt Büsche, riesige freie Grasflächen, Sanddünen und immer wieder Gruppen großer Bäumen, Schirmakazien hauptsächlich. Viele ehemalige Flussläufe sind zu Salztonebenen versteinert. Vier versteinerte Flüsse durchziehen das Reservat und das Deception Valley, das sich vor 16.000 Jahren zu bilden begann. Im Park leben große Säugetiere wie Giraffen, Schabrackenhyänen, Warzenschweine, Geparden, Wildhunde, Leoparden, Löwen, Streifengnus, Elenantilopen, Spießböcke, Kudus und rote Kuhantilopen. Daneben auch kleinere Säuger wie Mangusten oder Schakale. Es gibt eine Vielzahl von Reptilien wie die Schwarze Mamba, Puffottern oder Kobras. Auch zahlreiche Vogelarten, natürlich die Strauße, sind anzutreffen.


Und es gibt in der Kalahari ein – wie man heute sagt – indigenes Volk, diese Menschen leben in der Region des Central Kalahari Game Reserve als nomadische Jäger und Sammler seit 25.000 Jahren. Es war für sie ein Rückzugsgebiet, nachdem sie aus anderen ertragreicheren Regionen, von Bauern verdrängt worden waren. Die Lebensweise von Jägern und Sammlern war, seit Menschen sesshaft wurden und Landwirtschaft betrieben, weltweit in der Defensive. Da die Kalahari für Bauern keine Grundlage bot, lebten kleinere Gruppen mit dieser ursprünglichen Kultur dort bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein. In den frühen 1980er Jahren wurden Diamanten im Reservat entdeckt. Schon bald wurde den San von Regierungsbeamten mitgeteilt, dass sie das Reservat wegen der entdeckten Diamanten verlassen müssten. In drei großen Räumungen 1997, 2002 und 2005 wurden die San aus dem Reservat vertrieben. Sie lebten fortan in Umsiedlungslagern außerhalb des Reservats. In einem jahrelangen Rechtsstreit, dem teuersten in der Geschichte des Landes, wurde den Menschen schließlich 2006 das Recht zugesprochen, auf ihr angestammtes Land zurückzukehren. Die Regierung Botswanas erschwerten den San jedoch den Zugang zu sauberem Wasser, sodass sie weite Wege zurücklegen mussten, um an Trinkwasser zu gelangen. Nach weiteren Verhandlungen wurde ihnen im Januar 2011 in einem historischen Urteil endlich das Recht auf Wasser zugesprochen. Möglicherweise leben heutzutage noch wenige San tatsächlich als Jäger und Sammler. Mehr sind inzwischen im Tourismus beschäftigt. Sie führen Besucher durch die Kalahari und vermitteln einen Eindruck davon, mit welcher Aufmerksamkeit man seiner Umwelt begegnen kann. Gibt es doch praktisch keinen Busch, keinen Baum, keine Knolle und keine Grasart, aus denen sich nicht etwas gewinnen lässt. Tatsächlich dürfte jedoch das umfassenden Wissen, das zu einem Leben als Jäger und Sammler nötig ist, verloren sein. Dies spätestens seit der Mitte des letzten Jahrhunderts. Die San, die uns heute das Leben als Sammler und Jäger nahe bringen, sind nur noch eine Touristenattraktion. Nachdem sie mit den Touristengruppen den Bushwalk absolviert haben und die Fotos gemacht sind, ziehen sie sich wieder ihre Jeans und T-Shirts über. Wir hatten mit einem San als Guide und Fahrer zu tun, Evans hatte in Aachen Maschinenbau studiert, einige Zeit in einem deutschen Industriebetrieb als Diplomingenieur gearbeitet, schließlich war er nach Botswana zurückgekehrt, betrieb inzwischen eine riesige Rinderfarm und war als Guide tätig. So geht es dahin mit den Jägern und Sammlern. Besonders die Kalahari liebte er, dort ging ihm das Herz auf, das war zu spüren an der Art und Weise wie er uns seine Heimat nahebrachte. Da wirkte er, so streng er sonst auftrat, wie ein Junge auf seinem Lieblingsspielplatz. Es war wahrscheinlich ein bisschen illegal, wenn der mit dem Defender kreuz und quer durch die Graslandschaft tobte. Das hat er nicht wegen uns Touristen gemacht.


Als wir die San besuchten, konnten wir viele Tausend Jahre in die Menschheitsgeschichte zurückblicken. Wir sahen, wie durch ein Fenster, in eine Lebensweise, wie sie Menschen pflegten, bevor sie sesshaft wurden. Jäger und Sammler ordnen sich den Bedingungen, die ihnen die Natur auferlegt, unter. Sie bestreiten ihr Leben mit den Gütern, die ihnen aktuell zur Verfügung stehen. Sie streifen umher, folgen den Herden auf ihren Wanderungen, berücksichtigen Regen- und Trockenzeiten, kennen die Wachstumszyklen. Sie haben ein umfassendes Wissen über die Natur. Sie ordnen sich ihr unter und vermeiden es, Besitz anzuhäufen. Durch Besitz gebunden zu sein, ist für sie ein Risiko. Es gibt die Meinung, vertreten zum Beispiel von Harari (2015), es sei einer der großen Fehler der Menschheit gewesen, sich niederzulassen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, sich an Haus und Hof zu binden. Ich werde darauf zurückkommen. Allerdings ist klar, es gibt für uns keinen Weg zurück in diese Lebens- und Wirtschaftsweise.


Die faszinierende Wirkung der Kalahari auf Besucher beruht sicher darauf, dass das Land bis in die jüngste Zeit nicht so bewirtschaftet wird, wie wir es von der übrigen Welt kennen. Moderne Landwirtschaft hat nur die Randbereiche erreicht, dort durch Überweidung auch ihre zerstörerische Wirkung entfaltet, Bergbau gibt es nur punktuell, feste Siedlungen fast gar nicht. Das Land ist offen und weit, der Himmel ist unendlich hoch, die Ruhe absolut. Grenzen in Form von Zäunen gibt es nur, um das riesige Schutzgebiet der zentralen Kalahari vor Zugriffen aus der zivilisierten Welt zu bewahren. Die Weite und Grenzenlosigkeit wirken psychologisch enorm. Das Land fühlt sich jung und neu an, wie frisch erschaffen, dem Boden entströmt ein eigener Geruch.

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